"Und hast du nicht erfahren, daß Macht nur ist, wo das Schwert über alles Widerstrebende geht wie die Sichel über das Gras? Daß Macht verwelkt und verfault, wenn das Schwert stumpf wird oder das Recht aufstehen will gegen die Macht? Daß es nur zweierlei Dasein gibt: mit dem Schwert oder unter dem Schwert ..."

   

ERNST WIECHERT (1887 - 1950)

 


 

Arbeiten über Ernst Wiechert

» Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit «
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In der Geschichte hat der Kampf zwischen Geist und Tyrannei, Freiheit und Despotismus noch immer mit dem Bankerott der Tyrannei geendet. Der totale Staat wird keine Ausnahme machen, mag er sein Gesicht auch noch so raffiniert tarnen. Schon heute ist in Deutschland auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft das Totalitätsprinzip erschüttert. Es wird viel über die Frage „Volkskunst oder Persönlichkeitskunst" durcheinander geredet und geschrieben, die beamteten Kunstwächter schwadronieren recht oft wirr aneinander vorbei, und kein Zensor kann jene Belletristik unterbinden, die in historischer oder exotischer Gewandung der Menschheit große Gegenstände feiert und für Freiheit, Recht und Menschlichkeit wirbt. Als unangreifbares klassisches Beispiel für diese Art Opposition kann Ernst Wiecherts neue Legende: „Der weiße Büffel, oder von der großen Gerechtigkeit" gelten. Der Held dieser indischen Legende ist ein indischer Michael Kohlhaas: der Mann Vasudewa fordert Recht für einen Bauern, dem des Königs Krieger einen Büffel getötet haben. Vasudewa weigert sich, ein Standbild des Königs zu grüßen, da er dies für Götzendienst hält. (Wer denkt da nicht an das Treiben der braunen Prätorianer und an den Heil Hitler-Rummel?) Vasudewa wird eingekerkert, soll auf sein Recht verzichten, belehrt den König in nächtlichem Gespräch über die Grenzen aller Macht, über den Sinn von Recht und Gerechtigkeit. Vasudewas Mutter stirbt auf dem Scheiterhaufen für den Glauben des Sohnes, Vasudewa und die Gerechtigkeit siegen, der König muß die Grenzen aller irdischen Macht und Gewalt anerkennen.

Diese symbolische Geschichte verstehen die nach Freiheit drängenden Volksteile Deutschlands richtig zu würdigen und agitatorisch zu verwenden. Als Wiechert am 18. 11. 37 in Köln aus obigem Werk vorlas, beherrschte den Saal beklommene Spannung und die „Kölnische Zeitung" feierte den Dichter in ihrem Bericht (21. 11.) als einen, „der Zeit seines Lebens sich gebeugt hat unter ein Gesetz, das ihm gebiete, Gott mehr zu gehorchen, denn dem Menschen" und der „nichts anderes zu geben versuchte, als die ihm mögliche Antwort auf jene Frage, die ständig uns alle bewegen wird: Wie sollen wir leben?" - Ein kleiner, aber typischer Ausschnitt aus dem verschleierten und vernebelten geistigen Ringen im Dritten Reich.

Quelle: Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934-1940. Vierter Jahrgang 1937, Dichtung und Theater im Dritten Reich. Verlag Petra Nettelbeck, Salzhausen 1979.


Nazi-Goebbels verunglimpft Ernst Wiechert

Aus den im früheren Geheimen Staatsarchiv der Sowjets in Moskau gefundenen Tagebuch-Aufzeichnungen des zweitmächtigsten Mannes im Hitler-Staat Propagandaminister Joseph Goebbels

4. August 1938

Gestern meine Rundfunkrede fertiggemacht. Sie ist wirklich gut geworden. Denkschrift über unseren Deutschen Schnelldienst durchstudiert. Eine musterhafte Organisation. Vernehmungsprotokoll von dem sogen. Dichter Wiechert gelesen. So ein Stück Dreck will sich gegen den Staat erheben. 3 Monate Konzentrationslager. Dann werde ich ihn mir persönlich kaufen.

30. August 1938

... Ich lasse mir den Schriftsteller Wiechert aus dem K. Z. vorführen und halte ihm eine Philippika, die sich gewaschen hat. Ich dulde auf dem von mir betreuten Gebiet keine Bekenntnisfront. Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. Eine letzte Warnung! Darüber lasse ich auch keinen Zweifel. Der Delinquent ist am Schluß ganz klein und erklärt, seine Haft habe ihn zum Nachdenken gebracht. Das ist sehr gut so. Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung. Das wissen wir nun beide.

Quelle: Joseph Goebbels – Tagebücher, Band 3 1935-1939. Herausgegeben von Ralf Georg Reuth, Piper Verlag, Erweiterte Sonderausgabe, München 1999.


1937 dichtet er eine Novelle „Der weiße Büffel oder von der großen Gerechtigkeit", die sich ganz offen gegen die neue Vergötzung des Staates, den nationalsozialistischen Totalitätsanspruch und die Mißachtung des Rechtes richtet. Bezeichnend ist die legendäre Form: der Dichter, der sonst sich stofflich nie aus seiner Zeit entfernt, greift hier zum verhüllenden Sinnbild der Sage, um in ihrem Spiegel die Verirrung der Gegenwart zu zeigen. Die Verweigerung des Grußes vor dem Götzenbild des Herrschers, die Hinrichtung der „Staatsverbrecher", die Gott mehr gehorchen als den Menschen, und schließlich ihr innerer Sieg über den König waren jedoch zu durchsichtig, um nicht gleich bei der ersten öffentlichen Lesung von der Gegenseite eindeutig als bewußte „Widerstandsliteratur" festgestellt zu werden und als „Versuch, in dichterischer Tarnung politisches Schindluder zu treiben". Unausweichlich muß das alles zu einer Krise, zu einer erneuten und ungleich schwereren Bedrohung der Ächtung und Verfolgung führen. Seit 1934 steht der Dichter insgeheim unter Gestapoaufsicht. Unmittelbar nach der zweiten Münchener Rede setzt von allen Seiten her das parteiamtlich befohlene Kesseltreiben gegen ihn ein. Im Winter 1937/38 werden die Lesungen des „Weißen Büffel" durch Beauftragte der Reichskulturkammer gewaltsam gestört. Am 6. Mai 1938 erfolgt schließlich der volle Schlag.

Quelle: Hans Ebeling: Ernst Wiechert – Das Werk des Dichters, Wiesbaden 1947.


"Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit"

Badische Zeitung, Freiburg, 07.02.1947.

Dr. Rupert GIESSLER : Dichtung und Bericht (2).

… In (eine) legendäre, sprachlich wunderbar reine Erzählung hat der Dichter die reale und unmittelbare Not seines Herzens und seines Landes dichterisch verwandelt, als er sie im Jahre 1937 niederschrieb. Das Gespräch über Recht und Macht, das Vasudeva mit des König führt, ist das anklagende und beschwörende Gespräch des Manschen Ernst Wiechert mit der ungerechten Macht, die in jener Stunde über sein Land herrschte. Sie ist daher randvoll von Aktualität und doch als echte Dichtung in eine bleibende Gültigkeit erhoben. Damals hätte Wiecherts Erzählung ein Weckruf sein können, wenn man ihn nicht zum Schweigen gebracht hätte ...

Nicht lange, nachdem Wiechert diese Geschichte geschrieben und zum Teil öffentlich vorgelesen hatte, erfuhr er selbst Gewalt und Unrecht der herrschenden Macht am eigenen Leibe, weil er aufrecht dem Mächtigen entgegengetreten war...

Quelle: Ernst Wiechert im Urteil seiner Zeit. Literaturkritische Pressestimmen (1922 – 1975). Ernst-Wiechert-Bibliographie 3. Teil. Bearbeitet von GUIDO REINER, Paris, 1976.


... endlich eine Kölner Vorlesung (18.11.1937) aus dem damals noch ungedruckten Roman "Der weiße Büffel oder von der großen Gerechtigkeit" (1946 veröffentlicht), die demonstrativ beklatscht und von der Gestapo unterbrochen wurde.

Der genannte Roman ist eine in ferner Vergangenheit und im fernen Land spielende Erzählung über den Kampf des Geistes und der Wahrheit gegen die Lüge und die als Ohnmacht entlarvte Macht eines eingewanderten Gewaltherrschers, aber er ist auch stilistisch einmalig innerhalb des Gesamtwerkes, auffällig freier und weniger sentimental als Wiecherts sonstige literarischen Erzeugnisse.

Quelle: Salzer, Anselm/Tunk, Eduard von. Geschichte der deutschen Literatur. Zürich, Stauffacher Verlag, 1955.