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In der Geschichte hat der Kampf
zwischen Geist und Tyrannei, Freiheit und Despotismus noch immer mit dem
Bankerott der Tyrannei geendet. Der totale Staat wird keine Ausnahme
machen, mag er sein Gesicht auch noch so raffiniert tarnen. Schon heute
ist in Deutschland auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft das
Totalitätsprinzip erschüttert. Es wird viel über die Frage „Volkskunst
oder Persönlichkeitskunst" durcheinander geredet und geschrieben, die
beamteten Kunstwächter schwadronieren recht oft wirr aneinander vorbei,
und kein Zensor kann jene Belletristik unterbinden, die in historischer
oder exotischer Gewandung der Menschheit große Gegenstände feiert und
für Freiheit, Recht und Menschlichkeit wirbt. Als unangreifbares
klassisches Beispiel für diese Art Opposition kann Ernst Wiecherts neue
Legende: „Der weiße Büffel, oder von der großen Gerechtigkeit" gelten.
Der Held dieser indischen Legende ist ein indischer Michael Kohlhaas:
der Mann Vasudewa fordert Recht für einen Bauern, dem des Königs Krieger
einen Büffel getötet haben. Vasudewa weigert sich, ein Standbild des
Königs zu grüßen, da er dies für Götzendienst hält. (Wer denkt da nicht
an das Treiben der braunen Prätorianer und an den Heil Hitler-Rummel?)
Vasudewa wird eingekerkert, soll auf sein Recht verzichten, belehrt den
König in nächtlichem Gespräch über die Grenzen aller Macht, über den
Sinn von Recht und Gerechtigkeit. Vasudewas Mutter stirbt auf dem
Scheiterhaufen für den Glauben des Sohnes, Vasudewa und die
Gerechtigkeit siegen, der König muß die Grenzen aller irdischen Macht
und Gewalt anerkennen.
Diese symbolische Geschichte verstehen
die nach Freiheit drängenden Volksteile Deutschlands richtig zu würdigen
und agitatorisch zu verwenden. Als Wiechert am 18. 11. 37 in Köln aus
obigem Werk vorlas, beherrschte den Saal beklommene Spannung und die
„Kölnische Zeitung" feierte den Dichter in ihrem Bericht (21. 11.) als
einen, „der Zeit seines Lebens sich gebeugt hat unter ein Gesetz, das
ihm gebiete, Gott mehr zu gehorchen, denn dem Menschen" und der „nichts
anderes zu geben versuchte, als die ihm mögliche Antwort auf jene Frage,
die ständig uns alle bewegen wird: Wie sollen wir leben?" - Ein kleiner,
aber typischer Ausschnitt aus dem verschleierten und vernebelten
geistigen Ringen im Dritten Reich.
Quelle: Deutschland-Berichte der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934-1940. Vierter
Jahrgang 1937, Dichtung und Theater im Dritten Reich. Verlag Petra
Nettelbeck, Salzhausen 1979.
Nazi-Goebbels verunglimpft Ernst
Wiechert
Aus den im früheren Geheimen
Staatsarchiv der Sowjets in Moskau gefundenen Tagebuch-Aufzeichnungen
des zweitmächtigsten Mannes im Hitler-Staat Propagandaminister Joseph
Goebbels
4. August 1938
Gestern meine Rundfunkrede
fertiggemacht. Sie ist wirklich gut geworden. Denkschrift über unseren
Deutschen Schnelldienst durchstudiert. Eine musterhafte Organisation.
Vernehmungsprotokoll von dem sogen. Dichter Wiechert gelesen. So ein
Stück Dreck will sich gegen den Staat erheben. 3 Monate
Konzentrationslager. Dann werde ich ihn mir persönlich kaufen.
30. August 1938
... Ich lasse mir den Schriftsteller
Wiechert aus dem K. Z. vorführen und halte ihm eine Philippika, die sich
gewaschen hat. Ich dulde auf dem von mir betreuten Gebiet keine
Bekenntnisfront. Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. Eine
letzte Warnung! Darüber lasse ich auch keinen Zweifel. Der Delinquent
ist am Schluß ganz klein und erklärt, seine Haft habe ihn zum Nachdenken
gebracht. Das ist sehr gut so. Hinter einem neuen Vergehen steht nur die
physische Vernichtung. Das wissen wir nun beide.
Quelle: Joseph Goebbels – Tagebücher,
Band 3 1935-1939. Herausgegeben von Ralf Georg Reuth, Piper Verlag,
Erweiterte Sonderausgabe, München 1999.
1937 dichtet er eine Novelle „Der weiße
Büffel oder von der großen Gerechtigkeit", die sich ganz offen gegen die
neue Vergötzung des Staates, den nationalsozialistischen
Totalitätsanspruch und die Mißachtung des Rechtes richtet. Bezeichnend
ist die legendäre Form: der Dichter, der sonst sich stofflich nie aus
seiner Zeit entfernt, greift hier zum verhüllenden Sinnbild der Sage, um
in ihrem Spiegel die Verirrung der Gegenwart zu zeigen. Die Verweigerung
des Grußes vor dem Götzenbild des Herrschers, die Hinrichtung der
„Staatsverbrecher", die Gott mehr gehorchen als den Menschen, und
schließlich ihr innerer Sieg über den König waren jedoch zu
durchsichtig, um nicht gleich bei der ersten öffentlichen Lesung von der
Gegenseite eindeutig als bewußte „Widerstandsliteratur" festgestellt zu
werden und als „Versuch, in dichterischer Tarnung politisches
Schindluder zu treiben". Unausweichlich muß das alles zu einer Krise, zu
einer erneuten und ungleich schwereren Bedrohung der Ächtung und
Verfolgung führen. Seit 1934 steht der Dichter insgeheim unter
Gestapoaufsicht. Unmittelbar nach der zweiten Münchener Rede setzt von
allen Seiten her das parteiamtlich befohlene Kesseltreiben gegen ihn
ein. Im Winter 1937/38 werden die Lesungen des „Weißen Büffel" durch
Beauftragte der Reichskulturkammer gewaltsam gestört. Am 6. Mai 1938
erfolgt schließlich der volle Schlag.
Quelle: Hans Ebeling: Ernst Wiechert –
Das Werk des Dichters, Wiesbaden 1947.
"Der weiße Büffel oder Von der großen
Gerechtigkeit"
Badische Zeitung, Freiburg, 07.02.1947.
Dr. Rupert GIESSLER : Dichtung und
Bericht (2).
… In (eine) legendäre, sprachlich
wunderbar reine Erzählung hat der Dichter die reale und unmittelbare Not
seines Herzens und seines Landes dichterisch verwandelt, als er sie im
Jahre 1937 niederschrieb. Das Gespräch über Recht und Macht, das
Vasudeva mit des König führt, ist das anklagende und beschwörende
Gespräch des Manschen Ernst Wiechert mit der ungerechten Macht, die in
jener Stunde über sein Land herrschte. Sie ist daher randvoll von
Aktualität und doch als echte Dichtung in eine bleibende Gültigkeit
erhoben. Damals hätte Wiecherts Erzählung ein Weckruf sein können, wenn
man ihn nicht zum Schweigen gebracht hätte ...
Nicht lange, nachdem Wiechert diese
Geschichte geschrieben und zum Teil öffentlich vorgelesen hatte, erfuhr
er selbst Gewalt und Unrecht der herrschenden Macht am eigenen Leibe,
weil er aufrecht dem Mächtigen entgegengetreten war...
Quelle: Ernst Wiechert im Urteil seiner
Zeit. Literaturkritische Pressestimmen (1922 – 1975).
Ernst-Wiechert-Bibliographie 3. Teil. Bearbeitet von GUIDO REINER,
Paris, 1976.
... endlich eine Kölner Vorlesung
(18.11.1937) aus dem damals noch ungedruckten Roman "Der weiße Büffel
oder von der großen Gerechtigkeit" (1946 veröffentlicht), die
demonstrativ beklatscht und von der Gestapo unterbrochen wurde.
Der genannte Roman ist eine in ferner
Vergangenheit und im fernen Land spielende Erzählung über den Kampf des
Geistes und der Wahrheit gegen die Lüge und die als Ohnmacht entlarvte
Macht eines eingewanderten Gewaltherrschers, aber er ist auch
stilistisch einmalig innerhalb des Gesamtwerkes, auffällig freier und
weniger sentimental als Wiecherts sonstige literarischen Erzeugnisse.
Quelle: Salzer, Anselm/Tunk, Eduard
von. Geschichte der deutschen Literatur. Zürich, Stauffacher Verlag,
1955.
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