"Dann pflegte ich in den Wald zu gehen als in die alte Heimat meiner Seele und dort über dem Moor zu sitzen, lange Zeit, meine Hände in das Gras zu stützen und hinauszublicken über das grüne Schweigen bis zu dem weiten Horizont, ..."

   

ERNST WIECHERT (1887 - 1950)


 

Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft
(IEWG)


» Ernst Wiechert im Gespräch «

Begegnungen und Einblicke in sein Werk
2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York

 
             
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Vorwort                                         

Ernst Wiechert gehört heute zu den fast vergessenen Schriftstellern — doch von den zwanziger Jahren an bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein war er ein viel gelesener Autor, der Höchstauflagen erzielte. Dabei hat er als Schreiber wenig Zugeständnisse an den gängigen Publikumsgeschmack gemacht. Seine Leser mussten sich auf seinen Ton, die Menschen und Landschaften seiner Bücher einlassen. Der Landschaft seiner masurischen Heimat ist er zeitlebens verbunden geblieben - aber als einen ostpreußischen Heimatdichter hat er sich nicht gesehen. Man hat ihn einen Dichter der Stille genannt, und auch er selber hat sich so stilisiert: Mehrfach hat er ausgesprochen, dass der Dichter sich mit seinem Werk nicht in das lärmende Tagesgeschehen einmischen dürfe und über der Zeit zu stehen habe. Doch tatsächlich hat Wiechert im Verlaufe seines Lebens immer wieder zu den Ereignissen seiner Gegenwart Stellung genommen — sowohl mit seinem öffentlichen Auftreten als auch in seinen Werken. Seine Wirkung auf die Leser hing damit zusammen, dass er auf seine Art Zeitstimmungen und Zeiterfahrungen artikulierte und konterkarierte. In seiner Frühzeit wurde er bekannt als ein Autor, der politisch weit rechts stand — mit Büchern wie Der Wald (1922) und Der Totenwolf (1924), die noch heute erschrecken lassen. Er verarbeitete darin die Erfahrungen, die er im Ersten Weltkrieg und in der Revolution von 1918 gemacht hatte, und er stellte sich quer zur Weimarer Demokratie, die er attackierte. Als ein Sprecher der Kriegsgeneration hat er sich wohl lebenslang empfunden, und ein national-konservativer Autor ist er immer geblieben. Doch das Bemerkenswerte an Ernst Wiechert ist, dass er für neue Erfahrungen offen blieb und imstande war, sich zu korrigieren. In den zwanziger Jahren fand er — wohl auch unter dem Einfluss seines Lehrerberufs — zu einer humanistischen Position, die nach 1933 im Nazistaat der schärfsten Prüfung standhielt: Sein Auftreten gegen Rechtlosigkeit, Terror und nationalen Größenwahn brachte ihn ins Konzentrationslager. Seine späteren Bücher — Das einfache Leben (1939), Der Totenwald (1945), Die Jerominkinder (1945/47) und nicht zuletzt Missa sine nomine (1950) — enthielten seine Mahnung zur Umkehr und zur nationalen Selbstkritik. Das brachte ihm in den ersten Nachkriegsjahren viel Feindschaft bei den Unbelehrbaren ein. Doch viele seiner Leser fanden bei ihm Zuspruch und Lebenshilfe. Die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft will Sorge tragen, dass der Schriftsteller Wiechert nicht abgetan wird, weil seine Bücher sich dem Tempo des Computer-Zeitalters versagen. Sie will die wissenschaftliche Erschließung von Ernst Wiecherts Werk fördern, aber sie ist weder ein Verein von Fachwissenschaftlern noch von kritiklosen Wiechertverehrern. Sie versteht sich als ein Kreis von Lesern, die aufgeschlossen und kritisch fragen, was an Ernst Wiecherts Büchern anregend oder auch aufregend geblieben ist. Das Interesse der Mitglieder an gerade diesem Schriftsteller entspringt recht unterschiedlichen Motiven. Manche lieben Ernst Wiechert um der gemeinsamen ostpreußischen Herkunft willen, andere fühlen sich durch seinen ethischen Anspruch und seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Christentum und seinen amtlichen Vertretern herausgefordert. Wieder andere sehen in ihm vor allem den Bekenner zu politischer und sozialethischer Verantwortung. Die Vorträge, die auf den Tagungen der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft gehalten wurden, sind in drei Bänden im R. G. Fischer Verlag Frankfurt/M. erschienen: Ernst Wiechert heute (1993), Zuspruch und Tröstung (1999) und Von bleibenden Dingen (2002). Auch der nunmehr vorliegende vierte Band ist von der verschiedenen Herangehensweise der einzelnen Verfasser geprägt: Die Annäherung an Ernst Wiechert erfolgt von divergierenden Gesichtspunkten her, von literaturwissenschaftlichen, biographischen, pädagogischen und theologischen. Diese verschiedenen Sichtweisen miteinander ins Gespräch gebracht zu haben, ist ein erfreuliches Ergebnis der gemeinsamen Arbeit in der Gesellschaft: Durch die gemeinsame Lektürediskussion wird die Auseinandersetzung mit dem eigenen Standpunkt und mit der Welt von heute befördert — und damit auch das wechselseitige Verstehen.

Berlin und Regensburg                                                                                                                  Leonore Krenzlin          
im Februar 2010             
                                                                                                           und Klaus Weigelt

 

                                                           Inhalt

I. Zeit und Zeitgenossen

KLAUS WEIGELT
Ernst Wiechert in der Gegenwart. 20 Jahre Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft e.V.

LEONORE KRENZLIN
Thomas Mann und Ernst Wiechert. Eine Beziehung zwischen Animosität und Einsicht.

HANS-MARTIN PLESSKE
Ernst Wiecherts Verhältnis zu Schriftstellerkollegen seiner Zeit.

CHRISTIAN TILITZKI
Abschied vom Hufengymnasium. Ernst Wiechert in der Königsberger Schulpolitik gegen Ende der Weimarer Republik.

JÜRGEN FANGMEIER
Katholisches an Ernst Wiechert?

MARCIN GOŁASZEWSKI
Clemens August Graf von Galen und Ernst Wiechert - Augenzeugen ihrer Zeit.

WERNER KOTTE
Ernst Wiechert und seine Illustratoren. Dokumentation.
 

II. Einblicke in Wiecherts Werk

LEONORE KRENZLIN
Geisterreigen und Masurenschwermut. Ernst Wiecherts unveröffentlichter Romanerstling Der Buchenhügel.

Leseproben aus Der Buchenhügel.

MATTHIAS BÜTTNER
Mahnung zur Menschlichkeit. Ernst Wiecherts Novelle "Die Gebärde".

LEONORE KRENZLIN
Respektverweigerung und Entwurf einer Gegenwelt. Ernst Wiecherts Roman Der Exote.

BÄRBEL BEUTNER
Väter bei Ernst Wiechert.

JÜRGEN FANGMEIER
Das Kind in Ernst Wiecherts Novellen.

BÄRBEL BEUTNER
Das Bild des Lehrers im Werk Ernst Wiecherts.

WALTER T. RIX
Leiden und Erlösung in den Werken Ernst Wiecherts: Offenbarung und Eingang in eine andere Welt.
 

Autorenverzeichnis

Dr. Bärbel Beutner, geb. 1945 in Stolp/Pommern auf der Flucht aus Heiligenwalde/Kreis Königsberg (Ostpreußen). Studium an der Wilhelms-Universität Münster (Germanistik, Philosophie, Latein). Promotion zum Dr. phil. 1971 (Die Bildsprache Franz Kafkas). Seit 1972 am Friedrich-Bährens-Gymnasium in Schwerte/Westfalen (Deutsch, Philosophie). Monographische Veröffentlichungen über Agnes Miegel, Hermann Sudermann und Ostpreußen. 1999 Gründung des Kleinverlages „Heiligenwalde" in Unna. Erste Veröffentlichung: G. G. Artemjew „Susannenthal" (Novelle, 2000). Seit 2002 Vorsitzende der IEWG.

Dr. Matthias Büttner, geb. 1967. Studium der Klassischen Philologie und Germanistik an den Universitäten Bamberg und Erlangen. Nach der Magisterprüfung 1993 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Griechisch der Universität Erlangen bis 1996. Erstes Staatsexamen 1994/95. Referendariat in Erlangen und Aschaffenburg 1996 bis 1998. Im Anschluss an das Zweite Staatsexamen Gymnasiallehrer für Latein, Griechisch und Deutsch in Passau, seit 1999 in Bamberg. Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bamberg 2003: Einleitung, Herausgabe und Übersetzung der lateinischen Tragödie Sedccias des portugiesischen Jesuiten Luis da Cruz (1543—1604), erschienen in der Reihe Classica et Neolatina. Studien zur lateinischen Literatur, hrsg. von Rudolf Rieks, Bd. 3, 2004 (Peter Lang Verlag).

Prof. Dr. Jürgen Fangmeier, geb. 1931 in Neuwied/Rhein. Studium der ev. Theologie, Philosophie, Psychologie und Pädagogik in Bonn, Tübingen, Basel und Wuppertal. Dr. theol. Basel 1963. Seit 1968 Pfarrer in Schöller/Wuppertal, ab 1969 Dozent für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. 1987 und 1990 Gastdozent in Hyderabad/Indien. Theologische Veröffentlichungen u. a. Über Karl Barth und Beiträge über Ernst Wiechert.

Dr. Marcin Gołaszewski, geb. 1980 in Łódź/Polen. Promotion in der deutschen Literaturwissenschaft zum Thema: ,Nec laudibus nec timore'. Predigten und Hirtenbriefe Clemens August Graf von Galens im Nationalsozialismus; zwei Jahre lang Lektorin für Polnisch am Institut für Slawistik der JLU Gießen; Artikel zu Ernst Wiechert und Clemens August Graf von Galen.

Werner Kotte, geb. 1943 in Dresden; legte nach entsprechender Vorbildung eine kirchenjuristische Ausbildung für den höheren kirchlichen Verwaltungsdienst am Oberseminar in Naumburg mit anschließendem Referendariat ab. Später jahrzehntelange Tätigkeit als juristischer Kirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Leipzig. Lebt als Ruheständler in Leipzig, wo er eine umfangreiche Ernst-Wiechert-Sammlung betreut.

Dr. Leonore Krenzlin, geb. 1934 in Leipzig. Studium der Germanistik ab 1953 an der Humboldt-Universität. 1970-1990 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Promotion zum Dr. phil. (Hermann Kant, Leben und Werk; 1978 auch als Buch). Forschungen und Veröffentlichungen zur Literatur im nationalsozialistischen Deutschland (u.a. über Ernst Wiechert, Friedrich Griese, Studie zum Begriff „Blut und Boden"), zum Problem der Remigration nach 1945 sowie zur Literatur der DDR.

Dr. Hans-Martin Pleßke, geb. 1928 in Strenznaundorf (Mansfelder Seekreis). Buchhändler, Diplombibliothekar. 1949—1993 Wissenschaftlicher Bibliothekar in der Deutschen Bücherei Leipzig. 1974 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Leipzig (Das Leipziger Musikverlagswesen und seine Beziehungen zu einigen namhaften Komponisten). Monographische Publikationen über R. C. Muschler, L. Fürnberg, E. Wiechert, A. Goes und S. Berger. Walter-Bauer-Preis für Literatur (1994) der Städte Leuna und Merseburg. Von 1997-2001 Vorsitzender der IEWG. Ernst-Wiechert-Preis der Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr) 2009.

Dr. Walter T. Rix, geb. 1941 in Altlandsberg/Mark Brandenburg. Studium der Anglistik, Germanistik und Nordistik in Münster, Aberdeen, Manchester und Kiel, Promotion zum Dr. phil. 1969 — 2006. Wissenschaftlicher Direktor am Englischen Seminar der Universität Kiel und Redakteur der Zeitschrift „Literatur und Wissenschaft im Unterricht", Gastdozenturen in Pecs/Fünfkirchen, Salt Lake City und Königsberg/Kaliningrad. Seit 2006 Vorsitzender des „Kuratorium Arnau e.V.", zahlreiche Veröffentlichungen zur englischsprachigen und ostdeutschen Literatur.

Dr. Christian Tilitzki, geb. 1957 in Schleswig, aufgewachsen in Kappeln/Schlei. Studium der Rechtswissenschaft, Philosophie, Germanistik, Geschichte in Kiel und Berlin. Jur. Staatsexamina, Tätigkeit als Rechtsanwalt. 1999 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit zur Geschichte der deutschen Universitätsphilosophie von 1918 — 1945. 2000 — 2003 wiss. Mitarbeiter an der Universität Leipzig, Arbeit an einer Geschichte der Universität Königsberg (1870-1945), Bd. I erscheint im Herbst 2010.

Klaus Weigelt, geb. 1941 in Königsberg (Pr). Studium der ev. Theologie, Pädagogik und Volkswirtschaftslehre in Hamburg, Tübingen und Freiburg; Diplom-Volkswirt. Vorsitzender der Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr) und der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Gründungsmitglied und Stv. Vorsitzender der IEWG. Hg. (mit Guido Reiner) von Band 1 der Schriften der IEWG „Ernst Wiechert heute" (1993) und von Band 2 „Zuspruch und Tröstung" (mit Hans-Martin Pleßke, 1999).