Vorwort
Ernst Wiechert gehört
heute zu den fast vergessenen Schriftstellern — doch von den zwanziger
Jahren an bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein
war er ein viel gelesener Autor, der Höchstauflagen erzielte. Dabei hat
er als Schreiber wenig Zugeständnisse an den gängigen Publikumsgeschmack
gemacht. Seine Leser mussten sich auf seinen Ton, die Menschen und
Landschaften seiner Bücher einlassen. Der Landschaft seiner masurischen
Heimat ist er zeitlebens verbunden geblieben - aber als einen
ostpreußischen Heimatdichter hat er sich nicht gesehen. Man hat ihn
einen Dichter der Stille genannt, und auch er selber hat sich so
stilisiert: Mehrfach hat er ausgesprochen, dass der Dichter sich mit
seinem Werk nicht in das lärmende Tagesgeschehen einmischen dürfe und
über der Zeit zu stehen habe. Doch tatsächlich hat Wiechert im Verlaufe
seines Lebens immer wieder zu den Ereignissen seiner Gegenwart Stellung
genommen — sowohl mit seinem öffentlichen Auftreten als auch in seinen
Werken. Seine Wirkung auf die Leser hing damit zusammen, dass er auf
seine Art Zeitstimmungen und Zeiterfahrungen artikulierte und
konterkarierte. In seiner Frühzeit wurde er bekannt als ein Autor, der
politisch weit rechts stand — mit Büchern wie Der Wald (1922) und Der
Totenwolf (1924), die noch heute erschrecken lassen. Er verarbeitete
darin die Erfahrungen, die er im Ersten Weltkrieg und in der Revolution
von 1918 gemacht hatte, und er stellte sich quer zur Weimarer
Demokratie, die er attackierte. Als ein Sprecher der Kriegsgeneration
hat er sich wohl lebenslang empfunden, und ein national-konservativer
Autor ist er immer geblieben. Doch das Bemerkenswerte an Ernst Wiechert
ist, dass er für neue Erfahrungen offen blieb und imstande war, sich zu
korrigieren. In den zwanziger Jahren fand er — wohl auch unter dem
Einfluss seines Lehrerberufs — zu einer humanistischen Position, die
nach 1933 im Nazistaat der schärfsten Prüfung standhielt: Sein Auftreten
gegen Rechtlosigkeit, Terror und nationalen Größenwahn brachte ihn ins
Konzentrationslager. Seine späteren Bücher — Das einfache Leben
(1939), Der Totenwald (1945), Die Jerominkinder (1945/47)
und nicht zuletzt Missa sine nomine (1950) — enthielten seine
Mahnung zur Umkehr und zur nationalen Selbstkritik. Das brachte ihm in
den ersten Nachkriegsjahren viel Feindschaft bei den Unbelehrbaren ein.
Doch viele seiner Leser fanden bei ihm Zuspruch und Lebenshilfe. Die
Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft will Sorge tragen, dass der
Schriftsteller Wiechert nicht abgetan wird, weil seine Bücher sich dem
Tempo des Computer-Zeitalters versagen. Sie will die wissenschaftliche
Erschließung von Ernst Wiecherts Werk fördern, aber sie ist weder ein
Verein von Fachwissenschaftlern noch von kritiklosen Wiechertverehrern.
Sie versteht sich als ein Kreis von Lesern, die aufgeschlossen und
kritisch fragen, was an Ernst Wiecherts Büchern anregend oder auch
aufregend geblieben ist. Das Interesse der Mitglieder an gerade diesem
Schriftsteller entspringt recht unterschiedlichen Motiven. Manche lieben
Ernst Wiechert um der gemeinsamen ostpreußischen Herkunft willen, andere
fühlen sich durch seinen ethischen Anspruch und seine lebenslange
Auseinandersetzung mit dem Christentum und seinen amtlichen Vertretern
herausgefordert. Wieder andere sehen in ihm vor allem den Bekenner zu
politischer und sozialethischer Verantwortung. Die Vorträge, die auf den
Tagungen der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft gehalten
wurden, sind in drei Bänden im R. G. Fischer Verlag Frankfurt/M.
erschienen: Ernst Wiechert heute (1993), Zuspruch und Tröstung
(1999) und Von bleibenden Dingen (2002). Auch der nunmehr
vorliegende vierte Band ist von der verschiedenen Herangehensweise der
einzelnen Verfasser geprägt: Die Annäherung an Ernst Wiechert erfolgt
von divergierenden Gesichtspunkten her, von literaturwissenschaftlichen,
biographischen, pädagogischen und theologischen. Diese verschiedenen
Sichtweisen miteinander ins Gespräch gebracht zu haben, ist ein
erfreuliches Ergebnis der gemeinsamen Arbeit in der Gesellschaft: Durch
die gemeinsame Lektürediskussion wird die Auseinandersetzung mit dem
eigenen Standpunkt und mit der Welt von heute befördert — und damit auch
das wechselseitige Verstehen.
Berlin und Regensburg
Leonore Krenzlin
im Februar 2010
und Klaus Weigelt
Inhalt
I. Zeit und Zeitgenossen
KLAUS WEIGELT
Ernst Wiechert in der Gegenwart. 20 Jahre Internationale
Ernst-Wiechert-Gesellschaft e.V.
LEONORE KRENZLIN
Thomas Mann und Ernst Wiechert. Eine Beziehung zwischen Animosität und
Einsicht.
HANS-MARTIN PLESSKE
Ernst Wiecherts Verhältnis zu Schriftstellerkollegen seiner Zeit.
CHRISTIAN TILITZKI
Abschied vom Hufengymnasium. Ernst Wiechert in der Königsberger
Schulpolitik gegen Ende der Weimarer Republik.
JÜRGEN FANGMEIER
Katholisches an Ernst Wiechert?
MARCIN GOŁASZEWSKI
Clemens August Graf von Galen und Ernst Wiechert - Augenzeugen ihrer
Zeit.
WERNER KOTTE
Ernst Wiechert und seine Illustratoren. Dokumentation.
II. Einblicke in Wiecherts Werk
LEONORE KRENZLIN
Geisterreigen und Masurenschwermut. Ernst Wiecherts unveröffentlichter
Romanerstling Der Buchenhügel.
Leseproben aus Der Buchenhügel.
MATTHIAS BÜTTNER
Mahnung zur Menschlichkeit. Ernst Wiecherts Novelle "Die Gebärde".
LEONORE KRENZLIN
Respektverweigerung und Entwurf einer Gegenwelt. Ernst Wiecherts Roman
Der Exote.
BÄRBEL BEUTNER
Väter bei Ernst Wiechert.
JÜRGEN FANGMEIER
Das Kind in Ernst Wiecherts Novellen.
BÄRBEL BEUTNER
Das Bild des Lehrers im Werk Ernst Wiecherts.
WALTER T. RIX
Leiden und Erlösung in den Werken Ernst Wiecherts: Offenbarung und
Eingang in eine andere Welt.
Autorenverzeichnis
Dr. Bärbel Beutner,
geb. 1945 in Stolp/Pommern auf der Flucht aus Heiligenwalde/Kreis
Königsberg (Ostpreußen). Studium an der Wilhelms-Universität Münster
(Germanistik, Philosophie, Latein). Promotion zum Dr. phil. 1971 (Die
Bildsprache Franz Kafkas). Seit 1972 am Friedrich-Bährens-Gymnasium in
Schwerte/Westfalen (Deutsch, Philosophie). Monographische
Veröffentlichungen über Agnes Miegel, Hermann Sudermann und Ostpreußen.
1999 Gründung des Kleinverlages „Heiligenwalde" in Unna. Erste
Veröffentlichung: G. G. Artemjew „Susannenthal" (Novelle, 2000). Seit
2002 Vorsitzende der IEWG.
Dr. Matthias Büttner,
geb. 1967. Studium der Klassischen Philologie und Germanistik an den
Universitäten Bamberg und Erlangen. Nach der Magisterprüfung 1993
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Griechisch der Universität
Erlangen bis 1996. Erstes Staatsexamen 1994/95. Referendariat in
Erlangen und Aschaffenburg 1996 bis 1998. Im Anschluss an das Zweite
Staatsexamen Gymnasiallehrer für Latein, Griechisch und Deutsch in
Passau, seit 1999 in Bamberg. Promotion zum Dr. phil. an der Universität
Bamberg 2003: Einleitung, Herausgabe und Übersetzung der lateinischen
Tragödie Sedccias des portugiesischen Jesuiten Luis da Cruz
(1543—1604), erschienen in der Reihe Classica et Neolatina. Studien
zur lateinischen Literatur, hrsg. von Rudolf Rieks, Bd. 3, 2004
(Peter Lang Verlag).
Prof. Dr. Jürgen
Fangmeier, geb. 1931 in Neuwied/Rhein. Studium der ev. Theologie,
Philosophie, Psychologie und Pädagogik in Bonn, Tübingen, Basel und
Wuppertal. Dr. theol. Basel 1963. Seit 1968 Pfarrer in
Schöller/Wuppertal, ab 1969 Dozent für Systematische Theologie an der
Kirchlichen Hochschule Wuppertal. 1987 und 1990 Gastdozent in
Hyderabad/Indien. Theologische Veröffentlichungen u. a. Über Karl Barth
und Beiträge über Ernst Wiechert.
Dr. Marcin
Gołaszewski, geb. 1980 in Łódź/Polen. Promotion in der deutschen
Literaturwissenschaft zum Thema: ,Nec laudibus nec timore'. Predigten
und Hirtenbriefe Clemens August Graf von Galens im Nationalsozialismus;
zwei Jahre lang Lektorin für Polnisch am Institut für Slawistik der JLU
Gießen; Artikel zu Ernst Wiechert und Clemens August Graf von Galen.
Werner Kotte,
geb. 1943 in Dresden; legte nach entsprechender Vorbildung eine
kirchenjuristische Ausbildung für den höheren kirchlichen
Verwaltungsdienst am Oberseminar in Naumburg mit anschließendem
Referendariat ab. Später jahrzehntelange Tätigkeit als juristischer
Kirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in
Leipzig. Lebt als Ruheständler in Leipzig, wo er eine umfangreiche
Ernst-Wiechert-Sammlung betreut.
Dr. Leonore Krenzlin,
geb. 1934 in Leipzig. Studium der Germanistik ab 1953 an der
Humboldt-Universität. 1970-1990 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am
Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften
der DDR. Promotion zum Dr. phil. (Hermann Kant, Leben und Werk; 1978
auch als Buch). Forschungen und Veröffentlichungen zur Literatur im
nationalsozialistischen Deutschland (u.a. über Ernst Wiechert, Friedrich
Griese, Studie zum Begriff „Blut und Boden"), zum Problem der
Remigration nach 1945 sowie zur Literatur der DDR.
Dr. Hans-Martin
Pleßke, geb. 1928 in Strenznaundorf (Mansfelder Seekreis).
Buchhändler, Diplombibliothekar. 1949—1993 Wissenschaftlicher
Bibliothekar in der Deutschen Bücherei Leipzig. 1974 Promotion zum Dr.
phil. an der Universität Leipzig (Das Leipziger Musikverlagswesen und
seine Beziehungen zu einigen namhaften Komponisten). Monographische
Publikationen über R. C. Muschler, L. Fürnberg, E. Wiechert, A. Goes und
S. Berger. Walter-Bauer-Preis für Literatur (1994) der Städte Leuna und
Merseburg. Von 1997-2001 Vorsitzender der IEWG. Ernst-Wiechert-Preis der
Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr) 2009.
Dr. Walter T. Rix,
geb. 1941 in Altlandsberg/Mark Brandenburg. Studium der Anglistik,
Germanistik und Nordistik in Münster, Aberdeen, Manchester und Kiel,
Promotion zum Dr. phil. 1969 — 2006. Wissenschaftlicher Direktor am
Englischen Seminar der Universität Kiel und Redakteur der Zeitschrift
„Literatur und Wissenschaft im Unterricht", Gastdozenturen in Pecs/Fünfkirchen,
Salt Lake City und Königsberg/Kaliningrad. Seit 2006 Vorsitzender des
„Kuratorium Arnau e.V.", zahlreiche Veröffentlichungen zur
englischsprachigen und ostdeutschen Literatur.
Dr. Christian
Tilitzki, geb. 1957 in Schleswig, aufgewachsen in Kappeln/Schlei.
Studium der Rechtswissenschaft, Philosophie, Germanistik, Geschichte in
Kiel und Berlin. Jur. Staatsexamina, Tätigkeit als Rechtsanwalt. 1999
Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit zur Geschichte der deutschen
Universitätsphilosophie von 1918 — 1945. 2000 — 2003 wiss. Mitarbeiter
an der Universität Leipzig, Arbeit an einer Geschichte der Universität
Königsberg (1870-1945), Bd. I erscheint im Herbst 2010.
Klaus Weigelt,
geb. 1941 in Königsberg (Pr). Studium der ev. Theologie, Pädagogik und
Volkswirtschaftslehre in Hamburg, Tübingen und Freiburg;
Diplom-Volkswirt. Vorsitzender der Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr) und
der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft.
Gründungsmitglied und Stv. Vorsitzender der IEWG. Hg. (mit Guido Reiner)
von Band 1 der Schriften der IEWG „Ernst Wiechert heute" (1993) und von
Band 2 „Zuspruch und Tröstung" (mit Hans-Martin Pleßke, 1999). |